Deutscher Gewerkschaftsbund

17.11.2016

Tarife: Wo es noch klemmt

Der Anteil der Firmen, die nach Tarif zahlen, steigt. Doch einige Großbetriebe wollen weiter keine Tarifverträge abschließen

Von Matthias Stoffregen / Volksstimme Magdeburg / Artikel vom 15.11.2016

Magdeburg: Einmal pro Jahr veröffentlicht die NordLB eine Liste mit den 100 größten Arbeitgebern in Sachsen-Anhalt. Die Aufstellung ist ein Beleg dafür, dass sich nach den Wende-Umbrüchen einiges in der Wirtschaft getan hat, es wieder zahlreiche erfolgreiche Unternehmen gibt, die tausende Mitarbeiter beschäftigen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat die jüngste Firmen-Liste nun danach analysiert, welche der größten Unternehmen nach Tarif zahlen und welche nicht. Die Ergebnisse liegen der Volksstimme exklusiv vor.

Demnach zahlt ein Viertel der größten Unternehmen Sachsen-Anhalts weiterhin keine Tariflöhne. Die großen Betriebe schneiden zwar schon besser ab als die kleineren, die noch seltener Tarifverträge abschließen. Doch aus Sicht der Gewerkschaften ist das Ergebnis ernüchternd, weil sich die großen Firmen noch am ehesten höhere Bezahlungen leisten könnten.

Spitzenreiter im Ranking der größten Firmen ohne Tarifbindung ist der Automobilzulieferer IFA Rotorion aus Haldensleben. Warum IFA auf die Aushandlung von Tariflöhnen verzichtet, will das Unternehmen nicht sagen. Mehrere schriftliche Anfragen der Volksstimme blieben unbeantwortet. Auch eine Reihe weiterer Firmen wollte keine Angaben machen.

An der wirtschaftlichen Lage kann es bei IFA Rotorion nach Ansicht der IG Metall Halberstadt nicht liegen. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren seine Umsätze stetig gesteigert, zuletzt bezifferte sich der Jahresumsatz auf rund 500 Millionen Euro. Hinzu kommt, dass IFA zuletzt kräftig investierte, das Unternehmen unterhält weltweit Standorte, ein neues Werk in Polen befindet sich im Bau. „Wer so viel Geld zur Verfügung hat, der sollte nicht nur in neue Standorte, sondern auch in sein Personal investieren“, erklärt IG-Metall-Geschäftsführerin Tatjana Stoll. Besonders die Entscheidung, ein Werk in Polen zu bauen, bedauert Stoll. Sie hätte sich gewünscht, dass das neue Werk in Sachsen-Anhalt gebaut wird. „So entsteht jedoch der Eindruck, das Unternehmen wolle den Druck auf die Mitarbeiter hierzulande hochhalten, indem es im Zweifelsfall auf die niedrigen Löhne in Polen hinweist.“

Es gibt aber auch Unternehmen, die zu ihrer Lohnpolitik Auskunft geben. Eine Sprecherin von Bosch erklärt, dass der Wettbewerb und der Preisdruck in der Dienstleistungsbranche so hoch sei, dass Bosch seinen Mitarbeitern lediglich attraktive Konditionen im Vergleich innerhalb der Branche bieten könne.

Die Median Unternehmensgruppe, die mehrere Kliniken in Sachsen-Anhalt betreibt, erklärt auf Volksstimme-Anfrage, dass mehrere Tarifverträge zuletzt sowohl vonseiten des Unternehmens als auch vonseiten der Gewerkschaften gekündigt worden seien. Die Klinikgruppe, die insgesamt 1300 Beschäftigte in Sachsen-Anhalt zählt, verweist auf hohen Kostendruck und will nach eigenen Angaben flexiblere Lohnmodelle durchsetzen.

Tarifverzicht aus Prinzip

Ein zentrales Argument gegen Tarife ist auch für den Windanlagenbauer Enercon und seine Tochtergesellschaften in Magdeburg der Kostendruck. „Im Zuge der deutschen Energiewende steht die gesamte Branche vor der Aufgabe, langfristig tragfähige Beschäftigungsmodelle zu etablieren“, so Enercon-Sprecher Felix Rehwald. „Dies ist nur mit einer flexiblen Lohnpolitik möglich, die die konjunkturelle Lage und die wirtschaftlichen Möglichkeiten in unserer Branche nicht außer Acht lässt.“

Es gibt aber auch Unternehmen, die bewusst auf Tarifverhandlungen verzichten. Die Magdeburger Unternehmensgruppe Getec verweist darauf, dass sie vor allem hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigt. Um diese zu halten, „werden mit den Mitarbeitern individuelle Gehaltsvereinbarungen getroffen, die zu einem großen Teil im oberen Gehaltsgefüge angesiedelt sind“, erklärt Getec-Sprecher Christian Faßelt.

Die Magdeburger Regiocom äußert sich ähnlich. „Wir haben bereits vor 16 Jahren eine betriebsinterne Gehaltsregelung geschaffen, die sich in ihrer Struktur gut bewährt hat“, so Geschäftsführerin Sabine Berns-Fahlbusch. Interessant hierbei: Inhaber der Regiocom ist Sachsen-Anhalts Arbeitgeberpräsident Klemens Gutmann. Auf Volksstimme-Anfrage äußert sich Gutmann nur sehr knapp zur Tariflandschaft in Sachsen-Anhalt. Die Gründe, weshalb Firmen ihre Arbeitsbedingungen nicht in Tarifverträgen regeln, seien vielfältig, betont er. Es sei mit Blick auf die Koalitionsfreiheit auch legitim, wenn Unternehmen keine Verträge mit den Gewerkschaften aushandeln.

DGB-Landeschefin Susanne Wiedemeyer hat für die Positionen des Arbeitgeberpräsidenten, der auf Tarifverträge im eigenen Unternehmen verzichtet, kein Verständnis. „Ein fatales Signal, peinlich für die Arbeitgeberverbände“, findet Wiedemeyer. „Ein Unternehmer trägt Verantwortung, ein Wirtschaftsverband sogar fürs große Ganze. Darum sollte sich Herr Gutmann über die Flexibilität von Tarifverträgen informieren.“

Kritik an „Nasenprämie“

Wiedemeyer hält auch nichts davon, wenn Unternehmen Verträge mit ihren Beschäftigten individuell verhandeln, wie es etwa die Getec-Gruppe praktiziert. „Wer Gewerkschaften aus Prinzip aus den Betrieben raushalten will, möchte willkürlich entscheiden, wem er wann wie viel zahlt, und dies läuft schnell auf eine ‚Nasenprämie‘ hinaus.“ Die Bezahlung könne bei gleicher Tätigkeit unterschiedlich sein, ohne dass der Arbeitnehmer das Recht habe, den höheren Lohn einzuklagen. „Die Beschäftigten sollten sich gegen solche feudalen Praktiken wehren“, findet die DGB-Landeschefin.

Wiedemeyer hofft, dass sich künftig weitere Unternehmen dazu entschließen, wieder nach Tarif zu zahlen und sieht die Firmen auch wegen des wachsenden Fachkräftemangels unter Druck. Die DGB-Chefin betont hierbei aber auch, dass die Gewerkschaften den Unternehmen im Zweifelsfall entgegenkommen würden: „Firmen, die sehr weit vom Tarifniveau entfernt sind, wird man in mehreren Schritten daran heranführen müssen.“ In der Metallbranche in Sachsen-Anhalt habe dies in den vergangenen Jahren bereits häufiger funktioniert.

Insgesamt haben derzeit 26 Prozent der Unternehmen in Sachsen-Anhalt eine Tarifbindung, Tendenz steigend. Da der Anteil bei den größeren Unternehmen höher ist und diese naturgemäß mehr Mitarbeiter beschäftigen, erhalten in Sachsen-Anhalt derzeit 53 Prozent aller Beschäftigten einen Tariflohn.

http://www.volksstimme.de/deutschland-welt/wirtschaft/lohnpolitik-die-groessten-firmen-ohne-tarifvertrag

 


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